„Agilität braucht Vertrauen!“ … Wirklich?
In vielen Schulungen, die ich gebe, und auf so einigen agilen Stammtischen höre ich denselben Satz: „Agilität funktioniert nur mit Vertrauen.“ Gemeint ist damit meist, dass klassische Projektmodelle Kontrolle betonen, während agile Methoden auf Eigenverantwortung und Freiraum setzen. Führung soll loslassen, Teams sollen sich selbst organisieren, und das erfordere nun mal Vertrauen.
Ich sehe das anders. Meiner Erfahrung nach braucht gelebte Agilität nicht mehr, sondern weniger Vertrauen, zumindest dann, wenn sie konsequent umgesetzt wird. Diese Aussage klingt für viele auf den ersten Blick widersprüchlich. Schließlich gilt Vertrauen als einer der zentralen Werte agiler Zusammenarbeit, und niemand möchte in einem Umfeld arbeiten, in dem Kontrolle oder Misstrauen dominieren. Doch genau hier liegt der Denkfehler: In einer wirklich funktionierenden agilen Umgebung entsteht Vertrauen nicht durch Loslassen, sondern durch Transparenz, Feedback und überprüfbare Ergebnisse.
In diesem Artikel möchte ich zeigen, warum Agilität nicht auf blindem Glauben basiert, sondern auf klaren Strukturen. Warum Vertrauen im agilen Kontext nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis von gelebter Konsequenz ist. Und warum genau das, entgegen der landläufigen Meinung, Agilität stabiler, fairer und menschlicher macht.
Und damit das nicht so abstrakt wirkt, sondern die hier vorgestellten Ideen und die zugrunde liegenden Mechanismen greifbarer werden, werde ich sie anhand von Scrum erläutern, weil Scrum nicht nur das bekannteste, sondern auch das am weitesten verbreitete agile Vorgehensmodell ist.
Woher kommt die Idee vom „Mehr Vertrauen“ in Agilität?
Wenn man erfahrenen Projektleitern oder Führungskräften zuhört, die zum ersten Mal mit einem agilen Team arbeiten, klingt es oft so: „Früher wusste ich wenigstens, was passiert. Heute soll ich einfach vertrauen.“
Diese Wahrnehmung ist verständlich. Wer jahrelang gelernt hat, Projekte bis ins Detail zu planen, erlebt es als Kontrollverlust, wenn plötzlich niemand mehr von Anfang an sagen kann, wie der Weg aussieht. Agilität fordert, Unsicherheit auszuhalten. Sie sagt offen: Wir wissen heute nicht, wie das Ergebnis genau aussehen wird, aber wir werden es herausfinden. Für viele ist das ungewohnt.
Dann kommt die Selbstorganisation ins Spiel. Im Scrum-Team entscheiden die Mitglieder selbst, wie sie arbeiten. Führungskräfte sollen sich nicht einmischen, auch wenn sie fachlich oder hierarchisch über dem Team stehen. Der Product Owner legt die Produktziele fest, die Führungskraft nicht. Von außen wirkt das schnell so, als würde das Team machen, was es will.
Noch irritierender wird es, wenn das Team auch die Menge seiner Arbeit selbst festlegt. In der Sprintplanung bestimmen die Mitglieder, wie viel sie in den nächsten Wochen schaffen wollen. Wer an klassische Zielvorgaben gewöhnt ist, kann das leicht als Freifahrtschein missverstehen. Und wenn Führungskräfte weder beim Daily Scrum noch in der Retrospektive dabei sein dürfen, verstärkt sich der Eindruck weiter. Plötzlich finden zentrale Gespräche ohne sie statt. Sie sehen das Ergebnis erst am Ende des Sprints und haben das Gefühl, in eine Black Box zu blicken.
All das nährt den Gedanken, dass Agilität mehr Vertrauen verlangt. Denn wenn ich nichts sehe, muss ich glauben. Wenn ich nicht mitentscheiden darf, muss ich hoffen. Und wenn ich die Richtung nicht selbst vorgeben kann, bleibt nur das Vertrauen darauf, dass die anderen schon wissen, was sie tun.
Doch dieser Gedanke ist trügerisch. Hinter dem Ruf nach Vertrauen steckt oft eine Mischung aus Unsicherheit und Resignation. Manche Führungskräfte fürchten, sie könnten ihre Rolle verlieren. Andere misstrauen insgeheim, dass ohne Kontrolle weniger gearbeitet wird. Wieder andere erleben schlicht den Schmerz, nicht mehr alle Fäden in der Hand zu halten. Aus all dem entsteht das Gefühl: Wenn Kontrolle fehlt, muss Vertrauen die Lücke füllen.
Dieses Gefühl ist echt, aber es beschreibt keine objektive Realität. Denn in agilen Systemen verschwindet Kontrolle nicht – sie verändert nur ihre Form.
Der Trugschluss: Im klassischen Projektmanagement ist alles kontrollierbar
Im klassischen Projektmanagement herrscht die Grundüberzeugung, dass Projekte planbar sind. Wenn man nur gründlich genug ist, lässt sich alles vorhersehen: Aufgaben, Abhängigkeiten, Zeitpunkte, Kosten. Ein sauberer Projektplan gilt als Zeichen von Professionalität, und seine Einhaltung als Beweis für Kontrolle. Auf den ersten Blick scheint das logisch. Wer weiß, wer wann was zu tun hat, braucht niemandem zu vertrauen – er kann ja jederzeit prüfen, ob die Arbeit erledigt wurde.
Doch die Realität hat sich selten an diese Logik gehalten. Es gibt gute Gründe, warum agile Methoden überhaupt entstanden sind. Viele Projektpläne überleben den ersten Kontakt mit der Wirklichkeit nicht. Anforderungen ändern sich, technische Probleme tauchen auf, Abhängigkeiten verschieben sich. Würde man in solchen Momenten die klassische Methodik konsequent anwenden, müsste man jedes Mal neu planen – detailliert, vollständig, bürokratisch.
Aber Menschen sind keine Maschinen. Wenn der Zeitdruck steigt und die Komplexität zunimmt, wird improvisiert. Es wird nur noch grob neu geplant, mündlich abgestimmt, optimistisch zugesichert, dass es „schon klappen wird“. Kontrolle verwandelt sich in Hoffnung, und aus der präzisen Steuerung wird das Prinzip Zuversicht.
Das Kernproblem liegt darin, worauf im klassischen Projektmanagement überhaupt kontrolliert wird. Der Fokus liegt auf Aufgabenerfüllung: Wurde das Arbeitspaket abgeschlossen, wurde das Dokument erstellt, wurde das Meilenstein-Meeting gehalten. Ob die Ergebnisse tatsächlich funktionieren oder einen Mehrwert schaffen, zeigt sich meist erst am Ende. Zwischenzeitlich gibt es nur das Gefühl, „alles laufe nach Plan“.
So entsteht die paradoxe Situation, dass gerade dort, wo alles geplant und kontrolliert erscheint, am meisten Vertrauen nötig ist. Denn solange niemand überprüft, ob das entstehende Produkt wirklich nützlich ist, arbeiten alle im Blindflug – mit dem stillen Glauben, dass am Ende schon etwas Passendes herauskommen wird.
Der Gedanke, dass Agilität mehr Vertrauen erfordere, verkennt deshalb eine einfache Wahrheit: Das klassische Projektmanagement lebt von Vertrauen, es redet nur nicht darüber.
Worauf Kontrolle wirklich zielen sollte: Aufgaben oder Ergebnisse?
Wenn man genau hinsieht, liegt der Unterschied zwischen klassischem und agilem Arbeiten gar nicht im Vertrauen, sondern darin, worauf Kontrolle gerichtet ist. In traditionellen Projekten wird meist überprüft, ob Aufgaben erledigt wurden. In agilen Projekten geht es darum, ob Ergebnisse entstanden sind, die tatsächlich funktionieren und Wert schaffen.
Aufgabenkontrolle ist wie das Zählen von Ruderschlägen. Man sieht viel Bewegung, vielleicht sogar große Anstrengung, aber niemand prüft, ob das Boot sich überhaupt in die richtige Richtung bewegt. Ergebniskontrolle dagegen schaut auf Kurs und Wirkung. Sie fragt: Kommen wir dort an, wo wir hinwollen, und was haben unsere bisherigen Schläge tatsächlich bewirkt?
Diese Verschiebung verändert alles. Wenn Kontrolle nicht mehr bedeutet, Arbeitsschritte zu überwachen, sondern gemeinsam auf Wirkung zu schauen, verliert Vertrauen seine erdrückende Bedeutung. Kontrolle wird zu einem Lerninstrument, nicht zu einem Ausdruck von Misstrauen.
Wie Scrum Kontrolle ermöglicht – und Vertrauen überflüssig macht
Wer zum ersten Mal ein Scrum-Team beobachtet, das ohne sichtbare Führung arbeitet, denkt oft: „Die müssen sich ja gegenseitig blind vertrauen.“ Kein Chef, keine Kontrolle, keine klassischen Statusberichte: Wie soll das funktionieren? Doch schaut man genauer hin, merkt man, dass in Scrum mehr Kontrolle steckt, als man auf den ersten Blick ahnt. Nur fühlt sie sich anders an. Sie ist nicht laut, nicht misstrauisch, sondern eingebaut in den Ablauf selbst.
Die Magie von Scrum liegt auf drei Säulen: Transparenz, Inspektion und Anpassung. In diesem Abschnitt wollen wir uns die ersten beiden davon ansehen.
Was bedeutet Transparenz? Transparenz heißt in Scrum, dass die drei Artefakte, Product Backlog, Sprint Backlog und Inkrement, und fast alle Scrum Events nach außen sichtbar und einsehbar sind.
Das Product Backlog verrät jederzeit, welche Anforderungen das Projekt auf dem Schirm hat und in welcher Reihenfolge. Es gibt Stakeholdern die Möglichkeit zu prüfen, ob ihre Anliegen verstanden und berücksichtigt wurden. Finden sie ihre Themen dort nicht wieder oder zu weit unten, wissen sie, dass Gesprächsbedarf mit dem Product Owner besteht.
Sprint Goal und Sprint Backlog geben Aufschluss darüber, woran das Team aktuell arbeitet und mit welchen Ergebnissen als Nächstes zu rechnen ist. Das Inkrement zeigt unmissverständlich, was das Team bisher erreicht hat. Es macht sichtbar, ob Anforderungen wirklich verstanden wurden oder ob Klärungsbedarf besteht.
Und um es noch etwas klarer zu sagen: Dass das Team in jedem Sprint ein benutzbares Produktinkrement liefert, beweist, dass es dazu überhaupt in der Lage ist. Oder, wenn das nicht gelingt, dass es Probleme gibt, über die geredet werden muss. Der Scrum Guide formuliert eindeutig, dass das Scrum Team in jedem Sprint ein wertvolles und nützliches Inkrement erstellt. Wenn das nicht gelingt, ist das ein deutlicher und unübersehbarer Indikator für Störungen im Entwicklungsprozess.
Das Sprint Review ist schließlich das Ereignis, bei dem sprichwörtlich „Butter bei die Fische“ kommt, die ultimative Form der Transparenz über Fortschritt und Ergebnisse. Ich erinnere mich an ein Projekt, in dem ein erfahrener Bereichsleiter in das Review kam und nach wenigen Minuten sagte: „Das ist das erste Mal, dass ich wirklich sehe, was wir da eigentlich bauen.“ Das war kein Lob für die Software, sondern für die Transparenz. Und genau das ist der Punkt: Kontrolle entsteht nicht durch Anwesenheit, sondern durch Sichtbarkeit.
Diese Sichtbarkeit entsteht nicht nur durch Boards und Listen, sondern durch Rhythmus. Scrum ist ein System aus regelmäßigen Momenten der Offenheit. Im Daily Scrum sprechen die Teammitglieder jeden Morgen miteinander. Sie stimmen sich ab, erkennen Hindernisse, lösen sie, bevor sie größer werden. Für Außenstehende ist dieses Meeting unsichtbar und genau das ist sein Wert: Es hält die kleinen Probleme klein. Führungskräfte bekommen davon meist nichts mit. Und das ist ein gutes Zeichen. Wenn das Daily gut funktioniert, müssen sie gar nichts mitbekommen.
Auch die Retrospektive wirkt nach außen zunächst indirekt, denn Führungskräfte und Stakeholder sind dort aus gutem Grund nicht zugelassen. Ihre Wirkung müssen sie trotzdem spüren, in Form von weniger Problemen, höherer Lieferfähigkeit oder steigender Performance. Sie ist wie eine leise Kraft im Hintergrund. Wenn ein Team seine Zusammenarbeit ehrlich reflektiert, verändert sich etwas. Man spürt es in der Stimmung, in der Qualität, in den Ergebnissen. Führungskräfte bemerken es oft daran, dass sie plötzlich weniger nachfragen müssen, dass weniger eskaliert wird, dass Dinge einfach laufen. Umgekehrt gilt: Wenn sich nichts verbessert, muss sich das Team die Frage gefallen lassen, ob es seine Retrospektiven nur abspult oder wirklich nutzt.
Das sichtbarste Ereignis ist, wie schon beschrieben, das Sprint Review. Dort wird nicht erzählt, wie der Sprint war, dort zeigt man ihn. Das Produktinkrement ist die ehrlichste Form von Kontrolle, die es geben kann: Es funktioniert oder es funktioniert nicht. Und wenn es funktioniert, sieht man es. Das ist keine Vertrauensübung, das ist überprüfbare Realität.
Auch in Zahlen kann sich Transparenz zeigen. Scrum schreibt kein formales Projektcontrolling vor, aber verantwortungsbewusste Product Owner schaffen sich eigene Instrumente, um früh zu erkennen, ob ihr Projekt im Plan ist. Sie messen die Geschwindigkeit ihres Teams, die sogenannte Velocity, und beobachten den Trend im Release Burndown Chart. Beides sind keine Werkzeuge der Überwachung, sondern der Verantwortung. Sie helfen, Probleme sichtbar zu machen, solange sie noch lösbar sind.
Ich erwarte von guten Product Ownern, dass sie diese Werkzeuge freiwillig nutzen. Denn erst am letzten Tag zu erkennen, dass Zeit oder Budget nicht reichen, kann jeder. Und das macht niemanden glücklich.
Damit das funktioniert, muss das Team allerdings so arbeiten, dass am Ende jedes Sprints echte Ergebnisse stehen. Nicht alles angefangen, vieles halb fertig, sondern etwas, das wirklich benutzbar ist. Ich kenne Teams, die stolz berichten, sie hätten „fast alles geschafft“. Klingt gut, bis man merkt, dass sie zwar viel gearbeitet, aber nichts Fertiges geliefert haben. Ein anderes Team hatte regelmäßig zum Sprintende einen Teil seiner geplanten Anforderungen noch nicht mal angefangen, dafür aber den größeren Teil komplett fertig und damit ein benutzbares Produktinkrement. Ihre Velocity schwankte, aber ihr Fortschritt war messbar. Der Unterschied ist gewaltig. Nur das, was fertig ist, lässt sich prüfen. Nur das, was prüfbar ist, schafft Vertrauen.
Und all das geschieht nicht einmal am Ende eines Projekts, sondern in kurzen, wiederkehrenden Zyklen. Jeder Sprint ist ein kompletter Durchlauf dieser Kontrollmechanismen, mindestens einmal im Monat, oft sogar alle zwei Wochen. In keinem anderen Projektansatz wird so häufig, so offen und so konsequent hingesehen.
Scrum funktioniert also nicht, weil man sich vertraut, sondern weil man sich zeigt. Kontrolle liegt nicht in der Hand einer Führungskraft, sondern im System selbst. Und das ist vielleicht die schönste Form von Kontrolle: die, die man nicht mehr als Kontrolle empfindet, weil sie selbstverständlich geworden ist.
Kontrolle allein reicht nicht – warum Konsequenz der Schlüssel ist
Scrum lebt von Transparenz und Inspektion. Doch diese beiden Säulen wären wirkungslos, wenn sie nicht zu etwas führen würden. Der Scrum Guide beschreibt das klar: Transparenz ist die Voraussetzung für Inspektion, und Inspektion ist die Voraussetzung für Anpassung. Erst zusammen bilden sie eine vollständige Feedbackschleife.
Mit anderen Worten: Es reicht nicht, zu sehen, was passiert ist. Man muss auch reagieren.
Wenn Transparenz und Inspektion die Augen und das Bewusstsein des Systems sind, dann ist Anpassung seine Handlungsfähigkeit. Ohne sie wäre Scrum ein Beobachtungsinstrument, ehrlich, aber zahnlos. Und genau hier zeigt sich, ob eine Organisation wirklich agil ist oder nur so tut. Denn Transparenz kann weh tun. Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir auch die Stellen, an denen es nicht funktioniert. Und dann braucht es Konsequenz.
Nehmen wir ein paar typische Situationen, wie sie in fast jedem Scrum-Umfeld auftauchen.
Da sind die Stakeholder, die ihre Anforderungen im Product Backlog nicht wiederfinden oder mit der Priorisierung unzufrieden sind. Grundsätzlich liegt die Verantwortung beim Product Owner: Er oder sie entscheidet, was aufgenommen wird, in welcher Form und mit welcher Priorität. Doch auch Stakeholder tragen Verantwortung. Wenn sie merken, dass ihre Themen zu kurz kommen, müssen sie das Gespräch suchen: offen, sachlich, direkt. Es gehört zur Agilität, Uneinigkeit sichtbar zu machen. Wenn ein Product Owner konsequent gegen den wahrgenommenen Bedarf arbeitet, ist es die Aufgabe der Stakeholder, das Gespräch über den Auftrag selbst zu führen, notfalls auch zu schärfen oder neu zu fassen.
Oder das Team liefert, zum wiederholten Mal, kein benutzbares Produktinkrement. Und nach außen ist nicht erkennbar, dass es die Ursachen aktiv angeht oder dass die Maßnahmen des Teams Wirkung zeigen. In solchen Fällen darf und muss Führung eingreifen, nicht mit Druck, sondern mit Verantwortung. Es reicht nicht, am Review teilzunehmen und zu nicken. Wenn ein Team wiederholt keine funktionsfähigen Ergebnisse liefern kann, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht: in den Abläufen, in der Zusammenarbeit oder in den Rahmenbedingungen. Das anzusprechen ist kein Misstrauen, sondern Fürsorge für das System.
Ähnlich verhält es sich, wenn zwar Inkremente geliefert werden, deren Qualität oder Geschwindigkeit aber deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben. Auch hier ist Handeln gefragt, gemeinsam, nicht gegeneinander. Führungskräfte können anbieten, Hindernisse zu beseitigen, Ressourcen neu zu verteilen oder Teams gezielt zu unterstützen. Aber sie dürfen nicht tatenlos zusehen.
Und schließlich gibt es die Momente, in denen Stakeholder im Review sitzen und das Gefühl haben, dass das, was sie sehen, nicht dem entspricht, was sie erwartet hatten. Manchmal liegt das daran, dass Product Owner und Team die Erwartungshaltung falsch eingeschätzt oder Anforderungen missverstanden haben. Manchmal zeigt sich aber auch, dass Stakeholder ein Ziel verfolgen, das inhaltlich gar nicht mehr zum eigentlichen Produkt- oder Unternehmensziel passt. In beiden Fällen gilt: Karten auf den Tisch. Nur im offenen Gespräch kann entschieden werden, wer recht hat und wie es weitergeht. Diese Gespräche sind nicht immer angenehm, manchmal sogar schmerzhaft. Aber genau das ist der Punkt: Nur wenn Organisationen lernen, solche Momente nicht zu vermeiden, sondern sie zu nutzen, werden Transparenz, Inspektion und Anpassung zu einem echten Wertschöpfungsprozess.
Damit solche Konsequenzen dauerhaft konstruktiv bleiben, braucht es Spielregeln. Die wichtigsten heißen Fairness und Nachvollziehbarkeit. Fairness bedeutet, dass alle Beteiligten dieselben Maßstäbe erleben, dass Fehler als Lernchance behandelt werden und niemand öffentlich vorgeführt wird. Psychologische Sicherheit ist hier das Stichwort. Eine Organisation braucht eine konstruktive Fehlerkultur, in der Fehler in erster Linie als Lernpotenzial betrachtet werden.
Nachvollziehbarkeit heißt, dass die Gründe für Entscheidungen offen gelegt werden: Warum wurde etwas geändert, warum nicht, und werden immer die gleichen Maßstäbe angelegt? Nur wenn Menschen verstehen, warum etwas geschieht, akzeptieren sie auch, dass es geschieht.
Und schließlich braucht es eine klare Eskalationslogik. Die Agilität, und damit auch Scrum, legt die Verantwortung zur Anpassung, also die Reaktion auf Abweichungen und Probleme, in erster Linie in die Hand des Teams. Damit beginnt die Eskalation immer beim Team selbst, und es bekommt immer zuerst die Chance zur Reaktion. In den Retrospektiven analysiert es die Ergebnisse des Sprints und beschließt, was verändert werden soll. Ebenso klärt der Product Owner in Gesprächen mit den Stakeholdern, wie er auf Abweichungen reagiert, ob er das Product Backlog anpasst oder Ziele neu verhandelt.
Erst wenn hier keine sichtbare Verbesserung eintritt, kommt Führung ins Spiel. Führungskräfte fordern das Team aktiv zur Reaktion auf, suchen den Dialog, bieten Unterstützung an. Das kann fachlich, organisatorisch oder auch persönlich geschehen. Und erst, wenn auch das nicht wirkt, sind sie in der Pflicht, selbst zu handeln: klare Entscheidungen treffen, Aufgaben neu verteilen, notfalls Projekte stoppen. Das ist keine Aushebelung der Autonomie des Teams, sondern Ausdruck von Verantwortung. Sie ist aber ganz klar das letzte Mittel, das erst herangezogen wird, wenn die beiden Stufen zuvor scheitern.
Führungskräfte tun gut daran, diese Eskalationslogik im Vorfeld mit dem Team zu besprechen: Wie schnell und in welcher Form erwartet die Führungskraft Reaktionen vom Team? Woran merkt sie, dass das Team „die Sache selbst im Griff hat“? In welcher Form wird sie in den Stufen zwei und drei reagieren? Wenn das im Vorfeld klar kommuniziert und für das Team nachvollziehbar ist, kann sich jeder darauf einstellen.
Scrum funktioniert nur dann, wenn jede dieser drei Ebenen, Team; Product Owner; Führung, ihren Teil der Verantwortung ernst nimmt. Agilität ohne Konsequenz bleibt Kuschelkurs. Wer Transparenz ernst nimmt, darf die Augen nicht schließen, wenn sie unbequem wird.
Am Ende geht es nicht darum, Fehler zu bestrafen, sondern darum, sie zu nutzen. Kontrolle zeigt, wo etwas nicht stimmt. Konsequenz sorgt dafür, dass sich etwas ändert. Nur dann entsteht das Vertrauen, von dem so oft gesprochen wird, nicht das blinde, sondern das verdiente.
Doch bleiben bei vielen, die erstmals mit dieser Konsequenz in Berührung kommen, Fragen zurück, oft sehr menschliche.
Können agile Teams einfach machen, was sie wollen?
Diese Frage taucht in fast jedem meiner Seminare irgendwann auf. Mal halb scherzhaft, mal ernst gemeint. Sie klingt dann ungefähr so: „Der Product Owner kann doch nicht alle Entscheidungen zum Produkt treffen, oder? Da müssen doch auch andere mitreden dürfen.“ Oder: „Die Developer dürfen selbst festlegen, wie viel sie in den Sprint einplanen? Wer verhindert denn, dass sie einfach nichts machen?“ Und natürlich der Klassiker: „Das Team organisiert sich selbst – ja, aber was, wenn es das falsch macht?“
Hinter solchen Fragen steckt meist kein böser Wille, sondern Unsicherheit. Sie sind Ausdruck eines tief verankerten Reflexes aus klassischen Strukturen: Kontrolle wird als Sicherheit empfunden, Vertrauen als Risiko. Und der Gedanke, dass Teams und Product Owner wirklich so viel Entscheidungsfreiheit haben, löst bei vielen Führungskräften und Stakeholdern erstmal Unbehagen aus.
Fakt ist: Laut Scrum Guide dürfen sie tatsächlich vieles. Der Product Owner entscheidet allein, was im Product Backlog steht, in welcher Reihenfolge die Themen abgearbeitet werden und wann etwas als „Done“ gilt. Das Entwicklerteam entscheidet, wie viel Arbeit es sich für einen Sprint vornimmt und wie es sie organisiert. Und ja, das Team kann theoretisch beschließen, gar nichts zu tun – zumindest auf dem Papier.
In der Praxis passiert das aber nicht. Menschen sind keine Faultiere, sobald man ihnen Freiheit gibt. Sie wollen Sinn erleben, Wirkung sehen und Teil eines Ergebnisses sein. Und wer sich schon einmal in ein engagiertes Scrum-Team gesetzt hat, weiß: Die Diskussionen sind selten träge. Im Gegenteil, sie sind manchmal so leidenschaftlich, dass man sich als Außenstehender wünscht, jemand würde kurz den Ball flach halten.
Wenn Führungskräfte dennoch das Gefühl haben, dass ein Team nicht liefert, dann ist das selten ein Zeichen mangelnder Motivation. Meist steckt etwas anderes dahinter: fehlendes Wissen, unklare Ziele oder Hindernisse, die das Team selbst nicht beseitigen kann. Die richtige Frage lautet also nicht „Wie verhindere ich, dass das Team Unsinn macht?“, sondern „Wie schaffe ich Rahmenbedingungen, in denen das Team gar keinen Unsinn machen muss?“
Wenn ein Team zu wenig Erfahrung oder Fachwissen hat, liegt die Verantwortung bei der Organisation, diese Lücke zu schließen – durch Coaching, Schulung oder gemeinsame Arbeit an klaren Kriterien. Wenn es an Motivation mangelt (was weit seltener vorkommt, als manche glauben), lohnt sich der Blick auf die Demotivationsfaktoren: endlose Abstimmungen, widersprüchliche Ziele, fehlende Wertschätzung oder das Gefühl, dass Ergebnisse ohnehin niemanden interessieren. Menschen wollen sich einbringen, aber sie wollen auch, dass es etwas bringt.
Ein starker Hebel ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit – also zu erleben, dass das eigene Tun einen spürbaren Unterschied macht. Wenn Menschen verstehen, warum ein Projekt wichtig ist und welchen Beitrag sie dazu leisten, entsteht Motivation fast von selbst.
Und für die seltenen Fälle, in denen Teams die Freiheiten des Scrum Guides überdehnen wollen, habe ich eine einfache Antwort. Ich sage ihnen: „Ihr habt diese Rechte tatsächlich. Ihr dürft selbst entscheiden, was ihr schafft, wie ihr arbeitet, was ihr priorisiert. Aber wenn das Management irgendwann den Eindruck bekommt, dass ihr diese Freiheit nutzt, um euch dahinter zu verstecken, dann wird es Scrum wieder abschaffen. Ihr habt das Blatt in der Hand – also spielt es klug.“
Diese Klarheit wirkt. Teams verstehen schnell, dass Freiheit kein Freifahrtschein ist, sondern Verantwortung bedeutet. Und Führungskräfte begreifen, dass Kontrolle durch Transparenz und Sinn weit wirksamer ist als Kontrolle durch Vorgaben.
Am Ende ist es ganz einfach: Scrum-Teams dürfen vieles. Aber sie dürfen nicht aufhören, Wirkung zu erzielen. Wer das verstanden hat, macht in der Regel alles richtig.
Wo Vertrauen in Scrum wirklich seinen Platz hat
Nach all den Kontrollmechanismen und Feedbackschleifen bleibt eine ehrliche Frage: Ganz ohne Vertrauen geht es doch nicht, oder?
Nein, natürlich nicht. Aber es geht um ein anderes Vertrauen, als viele denken.
Scrum ist kein System der lückenlosen Überwachung. Selbst bei größter Transparenz sehe ich als Führungskraft oder Stakeholder nicht in Echtzeit, was im Team geschieht. Ich sehe erst am Ende eines Sprints, was wirklich entstanden ist. Und nach der Eskalationslogik aus dem vorherigen Abschnitt muss ich dem Team dann auch noch Gelegenheit geben, selbst zu reagieren und nachzubessern. Das heißt: Ich brauche ein kleines bisschen Vertrauen, aber nur für kurze Zeit.
Denn die Intervalle, in denen Vertrauen gefordert und überprüft wird, sind in Scrum extrem kurz. Ein Sprint dauert höchstens einen Monat, meist nur zwei Wochen. In dieser Zeit kann ein Team gar nicht weit in die falsche Richtung laufen, ohne dass es auffällt. Selbst wenn etwas misslingt, sind die Folgen überschaubar. Ich setze also, im schlimmsten Fall, einen Sprint „in den Sand“. Kein Projekt, keine Organisation, kein Vertrauen auf Verdacht, nur eine begrenzte Wette auf den nächsten Schritt. Und genau darin liegt die Stärke von Scrum: Vertrauen ist hier keine blinde Investition, sondern ein kurzfristiger Vorschuss, der sich schnell bewahrheiten oder korrigieren lässt.
Durch diese kurzen Zyklen entsteht ein Kreislauf aus Erfahrung, Lernen und wachsendem Vertrauen. Ich sehe, was das Team liefert, erkenne Fortschritte und kann konstruktiv reagieren, wenn etwas nicht passt. Vertrauen wird damit nicht mehr zur Glaubensfrage, sondern zu einer empirischen Beobachtung. Es wächst aus erlebter Zuverlässigkeit.
Doch Vertrauen in Scrum ist keine Einbahnstraße. Auch Teams brauchen Vertrauen, allerdings in die andere Richtung. Sie müssen darauf vertrauen können, dass Führungskräfte und Stakeholder mit Fairness und Nachvollziehbarkeit handeln, so wie wir es im vorherigen Abschnitt beschrieben haben. Dass sie auf Probleme nicht mit Schuldzuweisungen reagieren, sondern mit Unterstützung. Dass sie die Eskalationslogik respektieren, also dem Team zunächst die Chance geben, selbst Lösungen zu finden, bevor sie eingreifen.
Wenn dieses Vertrauen fehlt, bricht das System der Offenheit zusammen. Denn warum sollte ein Team offenlegen, dass es ein Problem hat, wenn es befürchten muss, dafür bestraft zu werden? Warum sollte es Risiken sichtbar machen, wenn das Risiko darin besteht, danach unter Beobachtung zu stehen? Transparenz braucht Vertrauen, dass Transparenz nicht gegen einen verwendet wird.
Hier berührt Scrum das, was Amy Edmondson als psychologische Sicherheit beschreibt. Nicht das Wohlfühl-Vertrauen, bei dem alle nett zueinander sind, sondern das Vertrauen, dass Offenheit keine Gefahr bedeutet. Es geht darum, sagen zu können: „Wir haben ein Problem“; und zu wissen, dass dieser Satz der Anfang einer Lösung ist, nicht der Beginn einer Suche nach Schuldigen.
In dieser Balance liegt der Kern von Vertrauen in agilen Organisationen:
Ein überschaubares, überprüfbares Vertrauen von Führungskräften in Teams und ein tiefes Vertrauen der Teams in die Fairness und Haltung ihrer Führung. Erst wenn beides zusammenkommt, wird Agilität nicht zu einem Glaubensbekenntnis, sondern zu einer belastbaren Arbeitsweise.
Damit schließt sich der Kreis: Vertrauen, Kontrolle und Konsequenz gehören nicht gegeneinander gestellt, sondern in Balance gebracht.
Fazit – Konsequenz statt Glauben
Agilität funktioniert nicht durch Hoffnung oder Vertrauen allein. Sie funktioniert, weil sie Strukturen schafft, die Irrtümer früh sichtbar machen und Reaktionen ermöglichen.
Scrum bietet mit seinen kurzen Feedbackzyklen, seiner Transparenz und seiner klaren Aufgabentrennung ein System, das Kontrolle und Lernen miteinander verbindet. Es reduziert das Risiko des blinden Vertrauens auf kleine, beherrschbare Einheiten und schafft gleichzeitig Raum für Eigenverantwortung und Wachstum.
Wer Agilität ernst nimmt, muss den Mut haben, die Dinge zu sehen, wie sie sind, nicht, wie man sie gern hätte. Transparenz ist kein Risiko, sondern eine Einladung zum Handeln. Und Konsequenz ist keine Strenge, sondern eine Form von Respekt – gegenüber dem Team, dem Produkt und der gemeinsamen Arbeit.
So entsteht echte Agilität: nicht als Idealbild, sondern als gelebte Praxis, die Vertrauen verdient, weil sie Ergebnisse liefert.
Zu diesem Artikel hat Carsten Czeczine einen Vortrag auf der DOAG Anwenderkonferenz 2025 gehalten.
Hier finden Sie die Folien des Vortrags als PDF.